Eine Analyse von HQ Trust zeigt, dass die Jagd nach den vermeintlich billigsten Aktienmärkten der Welt langfristig nicht zum Erfolg führt. Trotz attraktiver Bewertungen blieben Anleger in den meisten Jahren hinter dem globalen Aktienmarkt zurück – bei deutlich höherem Risiko.
02.06.2026 | 08:00 Uhr
Die Börsenweisheit klingt ebenso einfach wie überzeugend: günstig kaufen, teuer verkaufen. Übertragen auf Aktienmärkte würde das bedeuten, regelmäßig in jene Länder zu investieren, deren Börsen besonders niedrig bewertet sind, und auf eine spätere Aufholbewegung zu setzen. Doch eine aktuelle Untersuchung von HQ Trust legt nahe, dass diese Strategie in der Praxis deutlich weniger erfolgversprechend ist als vielfach angenommen.
Für die Analyse untersuchte Kapitalmarktstratege Pascal Kielkopf sämtliche 47 Länder des globalen Aktienuniversums des MSCI ACWI, darunter 23 Industrie- und 24 Schwellenländer. Der Betrachtungszeitraum erstreckte sich von Anfang 2009 bis Mai 2026.
Dabei wurde nicht einfach das Land mit dem niedrigsten Kurs-Gewinn-Verhältnis ausgewählt. Stattdessen griff Kielkopf auf das sogenannte Forward-KGV zurück, das die erwarteten Unternehmensgewinne berücksichtigt und damit ein realistischeres Bild der Bewertung liefern soll.
Zudem wurde ein weiterer wichtiger Faktor einbezogen: Einige Länder werden aufgrund ihrer Wirtschaftsstruktur oder höherer Risikoprämien dauerhaft günstiger bewertet als andere. Entscheidend war daher nicht die absolute Bewertung, sondern der jeweilige Abschlag eines Landes gegenüber seiner eigenen Historie der vergangenen zehn Jahre.
Jedes Jahr wurde zum letzten Handelstag in den relativ günstigsten Markt investiert und die Position bis zum Jahresende des Folgejahres gehalten.
In einzelnen Jahren lieferte die Strategie bemerkenswerte Ergebnisse. So legte der chilenische Aktienmarkt 2022 um 27 Prozent zu, während der MSCI ACWI gleichzeitig 13 Prozent verlor. Auch Griechenland entwickelte sich 2009 zeitweise deutlich besser als der Weltaktienindex und lag bis Mitte Oktober rund 35 Prozentpunkte vorne. Doch solche Erfolge blieben die Ausnahme.
Über den gesamten Untersuchungszeitraum erzielte die Strategie eine annualisierte Rendite von lediglich 8,3 Prozent. Der MSCI ACWI erreichte dagegen 12,8 Prozent pro Jahr. Damit blieb der Ansatz um 4,5 Prozentpunkte jährlich hinter dem globalen Aktienmarkt zurück.
Besonders bemerkenswert: In zwölf der 18 untersuchten Jahre entwickelte sich der jeweils günstigste Aktienmarkt schlechter als der Weltindex. Die Trefferquote lag damit nur bei einem Drittel.

Auch beim Risiko fällt das Urteil eindeutig aus. Die jährliche Schwankungsbreite der Strategie betrug nahezu 24 Prozent und lag damit deutlich über den rund 15 Prozent des MSCI ACWI.
Dass einzelne Länder stärker schwanken als ein weltweit diversifiziertes Aktienportfolio, überrascht kaum. Problematisch wird dies jedoch, wenn Anleger für das zusätzliche Risiko keine entsprechende Mehrrendite erhalten. Genau das war laut der Analyse der Fall.
„Anleger hätten deutlich stärkere Schwankungen in Kauf genommen und gleichzeitig erheblich weniger verdient“, fasst Kielkopf die Ergebnisse zusammen.
Die Untersuchung liefert zugleich eine Erklärung für das schwache Abschneiden der Strategie. Niedrige Bewertungen seien bei Länderinvestments häufig kein Zeichen von Unterbewertung, sondern spiegelten reale Risiken wider.
Dazu zählen politische Unsicherheiten, schwache Institutionen, Währungsrisiken, geopolitische Konflikte, Kapitalverkehrskontrollen oder strukturelle Wettbewerbsnachteile. Solche Risiken seien häufig dauerhaft und würden vom Markt nicht zwingend mit höheren langfristigen Renditen kompensiert.
Mit anderen Worten: Nicht jeder Bewertungsabschlag ist eine Kaufchance – oftmals handelt es sich um einen Risikoabschlag.
Für Kielkopf ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung. Wer vom Value-Gedanken profitieren möchte, sollte nicht auf einzelne Länderwetten setzen, sondern weltweit nach günstig bewerteten Unternehmen suchen.
Globale Value-Strategien ermöglichten es, den Bewertungsfaktor zu nutzen, ohne das Portfolio übermäßig von politischen Entwicklungen, Währungsschwankungen oder nationalen Krisen abhängig zu machen.
Die Analyse zeigt damit einmal mehr eine zentrale Erkenntnis der Kapitalmarktforschung: Eine günstige Bewertung allein ist noch kein ausreichender Investmentgrund. Erst im Zusammenspiel mit Qualität, Wachstumsperspektiven und einer breiten Diversifikation kann Value Investing seine Stärken langfristig ausspielen. (jk)
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